Momlife

Mein stummer Hilferuf

9. Februar 2022

Es gibt Tage, an denen komme ich gut mit der aktuellen Situation klar. Und dann gibt es solche Tage wie gestern, an denen es nicht so ist und das muss einfach mal raus:

Ich bin wütend. Ich bin verzweifelt. Ich bin am Ende meiner Kräfte. Also so wie eigentlich aktuell jede/r, die oder der Kinder hat. Und weil es einfach niemand hört, reihe ich mich ein in eine Vielzahl voller stummer Hilferufe verzweifelter Eltern.

Ich bin eine Mutter. Ich habe zwei Kinder im Alter von ein und drei Jahren. Mein zweites Kind kam im Lockdown zur Welt. Ich beklagte mich nicht (also kaum), als ich zwei Wochen vor der Geburt im Krankenhaus liegen musste und keinerlei Besuch haben durfte. Der Vater meines Kindes durfte ja immerhin zwei Stunden zum Kaiserschnitt vorbei kommen und unser Kind danach noch ein paar Minuten auf dem Arm behalten.

Manchen Frauen mussten ihre Kinder allein zur Welt bringen

Wie viele Frauen mussten ihre Kinder ohne Vater auf die Welt bringen oder sich nur mit einem kurzen Besuch zum Showdown der Geburt zufrieden geben. Danach ein Abschied bis zur Entlassung aus dem Krankenhaus. Gerade dann, wenn die Frau am zerbrechlichsten ist, war sie allein. Es gibt Paare, die mussten sich entscheiden, wer von beiden Elternteilen das Kind auf die Intensivstation begleiten soll. Einer davon blieb zu Hause und wartete…. So ging es uns, und so ging es Freunden und vielen anderen. 

Und ja, es macht wütend, dass zur gleichen Zeit Fussballstadien voll sind und tausende Fans ( zum Teil ohne Maske) ihren Lieblingsverein anfeuern können. 

Als wir alle an Covid erkrankten

Als wir nach dem ersten Corona-Jahr allesamt an Covid erkrankten und uns niemand helfen konnte oder wollte, schob ich es noch auf die Überforderung. Meinem Mann und meinem kleinem Kind ging es schlecht. Der Kinderarzt und das Krankenhaus baten uns sehr direkt, nicht zu kommen, wenn es denn nicht lebensbedrohlich sei. Der Rettungsarzt stand auf der Türschwelle und wollte unsere Wohnung nicht betreten (schließlich waren wir alle positiv). Man könnte uns aber mitnehmen. Ok dachte ich, wir werden das schaffen. Und das taten wir. Ob wir nachhaltige Beeinträchtigungen haben? Ja! Ob die von der Covid-Erkrankung oder der lang anhaltenden Erschöpfung sind, weiß niemand.

Ich leiste Carearbeit, mein Konto ist leer

Meinen Wiedereinstieg in den Beruf verschiebe ich von Monat zu Monat. Ich bin selbstständig. Also geht das. Bis auf ein paar kleine Aufträge (die ich nachts bearbeite) traue ich mich nicht, neue zu akquirieren. Allerdings verdiene ich so auch kaum Geld. Und ich frage mich, wie sich das in absehbarer Zeit ändern soll. Unsere Kinder sind seit fast zwei Jahren mehr zu Hause als in der Kita. Entweder weil zu viele positive Fälle in der Kita gezählt werden oder weil sie irgendwelche Symptome haben, mit denen wir sie nicht in die Kita schicken wollen. Und jeden Morgen stellen wir uns erneut die Frage, ob wir das Kind (und so auch das Geschwisterkind) dem Risiko aussetzen möchten, sich anzustecken oder ob wir lieber noch etwas durchhalten. Wir halten durch. Unsere Kitagebühren? Die zahlen wir. 

Finanziell sind wir auf das Einkommen meines Partners angewiesen. Vor Jahren hätte ich noch lauthals rum posaunt, dass ich das niemals wollen würde. Heute habe ich keine Wahl. Die Verantwortung und auch die Last liegt bei meinem Partner und unsere Partnerschaft leidet unter der Erschöpfung und Dauerbelastung. Wir sind beide zu kraftlos, um uns auch noch darum zu kümmern, ein glückliches Paar zu sein. 

Aktuell sind beide Kinder inklusive mir krank. Husten, Schnupfen und Halsweh. Ich habe die letzten 2 Nächte maximal 3 Stunden geschlafen weil einer von uns ständig ein Kind beruhigen muss, Hustensaft verabreicht oder die Nase putzt. Und jede Mutter weiß, dass man eigentlich kein Auge zu bekommt, wenn das Kind starken Husten hat. Natürlich waren wir gestern auch zum PCR Test….wir warten noch auf das Ergebnis. Eine zweite Erkrankung inkl. Quarantäne? Das würde jetzt noch fehlen.

Mein Kind wünscht sich eine Geburtstagsfeier

Meine große Tochter wird nächsten Monat vier Jahre und sie wünscht sich eine Geburtstagsparty. Das wäre ihre erste richtige Feier. Denn die letzten zwei Jahre ging das nicht. Auch wenn alle Prognosen momentan danach aussehen, dass wir im März Lockerungen erfahren, so habe ich dennoch große Angst, meiner Tochter erklären zu müssen, dass ihre Party leider nicht so stattfinden darf. „Wegen Corona?“ höre ich sie jetzt schon fragen. Und zum zigsten Mal werde ich meine Tränen unterdrücken und sagen „Leider ja, mein Schatz“.

Ich bin so erschöpft und höre mich in letzter Zeit immer öfter zu mir selbst sagen „Ich kann nicht mehr“. Aber ich weiß, mich hört niemand. 

An all die Eltern: Ich höre euch! Wir hören euch! Weil wir euch hören wollen.

Johanna von Mamiful

Mehr von Johanna: Auf einmal hatte meine ganze Familie Corona

Mehr zum Thema: Lauras Quarantäne Tagebuch

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