Mom der Woche

Kristin Todt

20. Januar 2021
Mom der Woche Kristin todt

Kristin Todt ist unsere Mom der Woche. Sie ist 31 Jahre alt, lebt mit ihren zwei Töchtern (fast 5 und 11 Jahre) und ihrem Freund in Sachsen. Im Interview erzählt sie uns, wie sie aktuell den Alltag zwischen ihrer Funktion als Lehrkraft im Homeoffice und als Mama, die das eigene Kind unterrichten muss, meistert. Wenn sie den Kopf mal frei bekommen will, geht sie am liebsten laufen oder wird kreativ beim Journaling. Für uns hat sie sich die Zeit genommen und ein paar Fragen beantwortet.

Wie sieht ein typischer Tag aktuell bei dir aus?

Ich muss zum Glück nicht ganz so zeitig aufstehen, wie vor dem Lockdown – einer der wenigen Vorteile. War es durch die Unterrichtszeiten und Fahrtwege bisher immer gegen 4:00 Uhr, weckt mich meine Tochter jetzt immer erst um 6:00 Uhr und wir lassen es ruhig angehen. Ich starte gerne mit Sport in den Tag, trainiere zu Hause oder gehe eine Runde Laufen, wenn mein Freund da ist und die Kinder übernimmt. Um 9:00 möchte ich am PC sitzen. Dann starten wir mit dem Homeschooling meiner großen Tochter, ich bin für meine Klasse da oder erledige Aufgaben für mein Seminar. 

Durch die Coronakrise sind die meisten Eltern gezwungen, ihre Kinder zu Hause zu unterrichten. Was denkst du als Lehrerin darüber und wie klappt das bei euch?

Ich bin enttäuscht, dass es über den langen Sommer nicht möglich war, bessere Konzepte für das Präsenz- aber auch Fernlernen zu erarbeiten, außer zu Lüften und mit Handschuhen und Mützen im Klassenzimmer zu sitzen. Insofern denke ich, es ist die beste Entscheidung in der aktuellen Situation. Zu Hause zu bleiben schützt die Kinder und ihre Familien ebenso wie die Lehrkräfte. Allerdings ist Homeschooling eine unfassbare Herausforderung für Familien. Obwohl ich selbst Lehrerin bin, knallt es bei uns nicht selten im Zusammenhang mit Schulaufgaben. Das Verhältnis von Eltern und Kindern ist eben ein anderes als zwischen Lehrkraft und Lernenden. Auch die Rahmenbedingungen sind anders, oftmals kommen Sorgen in der Familie, das eigene Homeoffice oder kleinere Geschwister dazwischen. Ganz zu schweigen vom Wegfall der vielen wichtigen sozialen Prozesse, die sich in Klassengemeinschaften vollziehen. 

Mom der Woche Kristin Todt

Hast du einen oder mehrere Tipps für Eltern, die nicht mehr weiter wissen?

Ich weiß nicht, ob das ein Tipp ist, aber in beinahe jedem meiner Elternbriefe der letzten Wochen standen zwei Dinge: 1. Macht euch keine Sorgen, wenn ihr nicht alles im vorgeschlagenen Zeitrahmen schafft. Wir lernen jetzt individuell von zu Hause aus – dann nehmen wir uns auch das Tempo und den Rahmen, den wir eben gerade leisten können. Und 2. opfert eure Eltern-Kind-Beziehung keiner Matheaufgabe oder Abschreibübung. Ich möchte nicht, dass Eltern und Kinder zu Hause zerbrechen, an dem was normalerweise nicht zu ihren Aufgaben gehört. Keine Hausaufgabe kann das wert sein. Und ich wünsche mir, dass diese Entspanntheit und Menschlichkeit von vielen meiner Kolleg:innen kommuniziert wird. 

Wie lässt sich deine aktuelle Jobsituation mit den Kindern vereinbaren?

Ich bin einerseits in der privilegierten Lage, dass wenn die Schulen und Kindergärten zu sind, meine Kinder zwar zu Hause sind, ich mir aber keine Sorgen um die Betreuung machen muss, da ich selbst da bin. Andererseits heißt das natürlich meine komplette Arbeit mit Heim zu bringen und das verursacht schon oft ein angespanntes Klima. Ich schaffe es, mir eine Verfügbarkeit für Kinder meiner Klasse am Tag einzurichten, den Rest meiner Arbeit erledige ich dann aber am Abend oder wenn mein Freund mal frei hat. Als Referendarin im dritten Ausbildungsabschnitt betreue ich bereits selbstständig eine Klasse. Ich muss aber gleichzeitig Aufgaben für das Lehrer:innenausbildungsseminar erfüllen, Unterrichtsentwürfe abgeben, und im Frühling stehen meine Prüfungen zum zweiten Staatsexamen an. Das heißt, obwohl ich sehr privilegiert bin, habe ich oft Sorge, ob und wie ich alles bewältigen soll und reibe mich mitunter auch daran auf. 

Inwieweit hast du ein funktionierendes Netzwerk, das dich als Working Mom unterstützt?

Meine einzige Unterstützung ist mein Partner – wir tragen uns gegenseitig dadurch. Jemanden, der die Kinder betreut, haben wir nur in Notfällen, den Alltag organisieren wir allein. Ich würde das also nicht als Netzwerk bezeichnen – es funktioniert aber trotzdem und mittlerweile gräme ich mich deswegen nicht mehr, sondern bin vor allem stolz und dankbar. 

Mom der Woche Kristin todt

Wie entspannst du im Alltag (also im normalen Alltag ;))?

Ich entspanne tatsächlich wenig, haha. Aber jetzt „mit Corona“ sogar mehr. Sport und meine Fakirmatte helfen mir, körperlich so richtig zu entspannen, dazu habe ich aber im Arbeitsalltag weniger Zeit. Mental abzuschalten gelingt mir immer noch zu wenig – gute Bücher, eine Lieblingsserie oder eine Auszeit mit meinem Freund sind aber ein Anfang. 

Was gab es bei euch heute Morgen zum Frühstück?

Da ich heute Morgen allein Laufen war, hatten die anderen bereits ohne mich gefrühstückt und ich habe einen heißen Milchkaffee, Obstsalat und ein Croissant genossen. 

Was steht in diesem Moment ganz oben auf deiner To-Do-Liste?

Die Woche steht – wie sollte es anders sein – alles im Zeichen des Fernunterrichts. Sowohl die Aufgaben meiner Tochter regelmäßig zu kontrollieren, als auch neue Aufgaben für meine Klasse bereit zu stellen, gehören zu meinen wichtigsten Aufgaben.

Wovon brauchst du gerade eine Pause?

Von – Achtung, die gern bediente „Rabenmutter“ – meiner Familie. Ich denke allerdings, das beruht auf Gegenseitigkeit. Wir sind seit Anfang Dezember wieder ohne Pause zusammen, haben auch keine Familienmitglieder besucht oder empfangen und pflegen einen kleinen Radius um unsere Wohnung als Spazierweg. Wir alle wollen gerne wieder die Flügel ausstrecken. Uns voneinander entfernen und einzelne Personen sein und erst beim Abendessen zusammenkommen und davon berichten. 

Welche Herausforderung hast du zuletzt gemeistert?

Ganz brandaktuell – meinen Seminartag mit drei Videokonferenzen, von denen ich in einer etwas vorstellen musste, mit meiner Vierjährigen auf dem Schoß. 

Welchen SOS-Tipp hast du für Mamis in einer Stresssituation?

Puh, vielleicht ist das die schwierigste Frage! Ich kann wohl relativ viel Stress aushalten, das hat sich über die Jahre gezeigt. Dennoch geht das nicht ohne Kämpfe und Verletzte – ich weine, bin überfordert oder schimpfe. Und ich möchte allen Mamas sagen: DAS IST OKAY. Wir sind in erster Linie Menschen und wir müssen nicht perfekt sein, niemandes Erwartungen erfüllen. Wir dürfen ehrlich sein und fühlen. Wenn du als Mama gerade in einer stressigen Situation bist und das Gefühl hast, gerade alles falsch zu machen. Oder wenn es gerade Streit gab oder du geschimpft hast. Du geschrien hast oder Regeln verhängt, die bei Tageslicht doch unsinnig erscheinen. Es ist okay. Rede drüber, entschuldige dich, wenn nötig, und du wirst für deine Kinder das beste Vorbild sein. Ansonsten half mir vor allem als meine Kinder noch kleiner waren: aus der Situation gehen. Wenn alles brennt und du nicht mehr kannst? Vergewissere dich, dass alles sicher ist und geh für zwei Minuten aus dem Raum. 

Wann hast du zuletzt etwas Neues gemacht oder gelernt?

Das letzte Neue, das ich gelernt habe, waren vermutlich all die Paragrafen für meine Schulrechtprüfung. Und Neues tun geschieht im Moment beinahe regelmäßig. Die erste Videokonferenz, das erste Lernvideo, das erste Elterngespräch via Zoom. Ich finde die Situation aktuell nicht immer schön, versuche sie aber zu nutzen, um zu lernen und meine beruflichen Fähigkeiten weiter zu entwickeln. 

Wofür hättest du gern mehr Zeit?

Mehr Zeit hätte ich gerne ganz klassisch für unsere Paarbeziehung. Da spürt man das fehlende Netzwerk und wie selten man sich mal rausziehen kann. 

Welches Buch liegt zurzeit auf deinem Nachttisch?

Zwei! Seichte Kost einerseits, die Oral History des deutschen Rap: „Könnt ihr uns hören“. Aber auch „Generation Haram“ von Melisa Erkurt. Ein Buch über die strukturelle Benachteiligung von Migrant:innen im Bildungssystem. Ein Thema, über das ich auch meine Examensarbeit geschrieben habe und von dem ich denke, dass jede Lehrkraft dafür sensibilisiert werden sollte. 

Wie bleibt man glücklich – nicht nur als Eltern, sondern auch als Paar?

Ha! Das Thema zieht sich durch. Ich habe nicht die eine Lösung. Ich weiß aber, dass es manchmal furchtbar leicht ist. Dann ist alles rosig und man muss die Glücksmomente nur aufheben. Und dann ist es wieder vor allem Arbeit – an sich selbst und am Umgang miteinander. 

Was würdest du gerne besser können?

Ich wäre gerne vor allem sanfter mit mir selbst. Kennst du das? Wenn du an deine Freundinnen denkst, bist du stolz und voller Liebe. Wer sie sind, ihre liebenswerten Eigenschaften, was sie alles schaffen und ihre ganz besondere Schönheit. Ich würde gerne mehr von dieser Milde auch mir selbst gegenüber spüren. Nicht so streng sein und nicht so mit mir kämpfen. 

Mom der Woche Kristin todt

Einer deiner Lieblingsplätze, den andere Mamis unbedingt sehen sollten?

Ich weiß nicht, ob der Ort nur für Mamis ist, aber wovon ich viele Fotos mache und was ich für heilsam halte: die Natur quasi „hinter unserem Haus“. Ich wohne sehr zentral, wenn ich aber zwei Minuten gehe, bin ich auf einem langen Radweg entlang des Wassers. Den ganzen Winter schon sehe ich da am Ufer immer einen Reiher. Und wenn der in die Luft steigt, im Hintergrund die industrielle Kulisse des Energieversorgers und die aufgehende Sonne – ja, dann hat das schon ziemlich viel mit Heilung zu tun. 

Wohin möchtest du als nächstes reisen? Und wohin mal ganz allein (wenn es denn wieder geht)?

Als nächstes wünsche ich mir vor allem, dass es im Sommer sicher und möglich ist, an die Ostsee zu reisen. Unseren Familienurlaub dahin haben wir 2020 aus Vernunftsgründen storniert, und ich wünsche uns allen, dass wir das bald nachholen können. Und ganz allein – oder gern auch mit Partner – würde ich Hamburg und Berlin besuchen. Weil wir die Städte mögen, aber vor allem weil enge Freund:innen dort leben, die ich wirklich vermisse. 

Was ist gerade das Beste an deinem Leben?

So simpel und doch nicht selbstverständlich: alle, die ich liebe, sind gesund. Es gibt immer kleine und große besondere Freuden und Abenteuer. Aber Gesundheit ist immer und immer mein größtes Gut. 

Wo siehst du dich nächstes Jahr um diese Zeit?

Superspannende Frage, die ich gar nicht so beantworten kann. Ich werde auf jeden Fall hoffentlich mein zweites Staatsexamen bestanden haben und eine tolle Klasse unterrichten. Corona soll Geschichte sein. Und sonst muss sich gar nicht viel verändern. Doch, halt! Vielleicht plane ich dann unsere Hochzeit. Die haben wir nämlich dank Corona auf unbestimmt verschoben und ich denke das wäre doch eine aufregende Aufgabe für 2022… 

Auf was freust du dich momentan am meisten?

Im Großen darauf, dass die Pandemie weltweit unter Kontrolle gerät. Etwas, das sicher nur mit globaler Solidarität und viel Geduld zu erreichen ist. Im Kleinen darauf, dass meine Kinder nachher schlafen und ich einfach mal nur Kristin sein kann. 


Liebe Kristin, vielen Dank für deine Zeit, deine tollen Antworten und deine tägliche Inspiration und Aufklärungsarbeit auf Instagram. Und wenn du in Hamburg bist, dann sag Bescheid! 🙂

Du willst unsere „Mom der Woche“ werden? Dann melde dich einfach bei uns unter info(at)mamiful.de

Wir freuen uns auf dich und deine Geschichte.

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1 Comment

  • Reply Kristina 21. Januar 2021 at 22:20

    Ein ganz wunderbares, inspirierendes Interview mit Kristin – vielen Dank!

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